Osteotomie nach Dingman

1944 veröffentlichte REED OTHERLBERT DINGMAN (1906-1985) die neuartige zweizeitige "Geradlinige Unterkieferosteotomie", nachdem die Osteotomie am horizontalen Ast des Unterkiefers schon fast in Vergessenheit geraten war. Gründe für solch eine Neuerung lassen sich vor allem in den Tatsachen finden, dass es bei den vorigen Methoden häufig zu einer Durchtrennung oder zu einer Schädigung des Nervus alveolaris inferior kommt, die zu einer An- oder Hypästhesie im Bereich des Kinns und der Unterlippe führt [25]. Als nachteilig beschrieb er, dass es bei den bisherigen Methoden zu einer Häufung von diversen Deformitäten kommen kann.

Ebenso schilderte DINGMAN, dass der von vielen gewählte intraorale Zugang die Möglichkeit zahlreicher Komplikationen barg, wie das verzögerte Zusammenwachsen oder sogar das Ausbleiben der Verknöcherung der Knochenfragmente oder die Osteomyelitis. Vor allem der Verlust von gesundem Zahn- und Knochenmaterial und die dadurch wahrscheinlich eintretende Beeinträchtigung des Kiefergelenks aufgrund der Verkürzung des Molarengebiets sind als primäre Nachteile dieser Methode zu nennen [58]. Zum Vorgehen dieser operativen Methode lässt sich sagen, dass zunächst die jeweilige Operationsseite ausgesucht wurde, auf der bereits ein oder zwei Zähne fehlten. Waren alle Zähne vorhanden, mussten, je nach Verlagerungsstrecke, ein bis zwei Zähne extrahiert werden, um eine zahnlose Region zu erhalten. Nach DINGMAN war die optimale Region für dieses Vorgehen der erste Molar.

Die genaue Größe und Form des zu entfernenden Knochenstückes konnte anhand von Gipsabdrücken und des Grads der bekannten Prognathie bestimmt werden. Dies war ausschlaggebend für die spätere okklusale Relation [58]. Die eigentliche Operation lief wie folgt ab: Zunächst wurde in einer ersten Operation eine Inzision an der ausgewählten Stelle des unteren Kieferkamms gesetzt, damit die Schleimhaut und das Periost lingual und bukkal abgelöst werden konnten. Der Knochen wurde nun mit Hilfe eines kleinen Knochenbohrers nach kaudal durchtrennt. Ein angemessener Sicherheitsabstand bis zum Nervus alveolaris inferior musste dabei immer eingehalten werden, um eine Verletzung auszuschließen. Darauf aufbauend wurden die genauen Maße des Knochenfragments genommen und die Schleimhaut wieder vernäht. Nach drei Wochen Regenerationsphase wurde die zweite Operationsphase geplant.

In der Regenerationsphase wurde ein labialer bukkaler Drahtbogen an den Zähnen befestigt, der später zur intermaxillären Fixation mit Hilfe von Gummibändern diente. Die Sicherung der Okklusion erfolgte über so genannte Splints. In der zweiten Operationsphase wurde unter Anwendung einer lokalen Anästhesie oder Vollnarkose über einen extraoralen Hautschnitt bilateral entlang der Unterseite des Unterkiefers die Schleimhaut entfernt, bis die zuvor angelegten Knochenschnitte sichtbar wurden. Nun wurde der Schnitt mit Hilfe eines kleinen Knochenbohrers auf die untere Grenze des Unterkiefers verlängert. Bevor dies auf ganzer Länge vollzogen war, wurden Löcher in den Unterkieferrand gebohrt, durch die die beiden Fragmente später mit einem Stahldraht miteinander verbunden werden sollten.

Der Knochen um den Nervus alveolaris wurde anschließend mit Hilfe von Meißel und Knochenzange vorsichtig entfernt. Eine für das Nerv-Gefäßbündel geschaffene Höhlung [25] erlaubte eine Annäherung der Knochenfragmente, ohne den Nerv zu beschädigen [15]. Die Drähte konnten nun stramm gezogen, fixiert und kurz abgeschnitten werden (Abb. 13). Es war laut DINGMAN nicht notwendig, diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder zu entfernen. Weiterentwicklungen erfolgten unter anderem durch HARRY SHARPIRO.