Psychosoziale und ästhetische Aspekte des menschlichen Gesichts

Das Gesicht hat nicht nur in der Psychologie und der Verhaltensbiologie einen exponierten Stellenwert. Für den Menschen als soziales Wesen ist es eines der wichtigsten Kommunikationsinstrumente. Wie kein anderer Teil des Körpers spiegelt das Gesicht Gemütszustände und Empfindungen wider und dient der Kontaktaufnahme mit dem Sozialpartner. Ein anatomisch und physiologisch intaktes Gesicht gilt als Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation und soziale Integration.

Dabei wird seit jeher eine hohe Symmetrie der beiden Gesichtshälften mit dem Begriff der Schönheit gleichgestellt. Bereits die Künstler der Renaissance versuchten, Schönheit normativ zu erfassen. Die Proportionsstudien von LEONARDO DA VINCI aus dem Jahre 1485 und ALBRECHT DÜRER aus dem Jahre 1528 zeigen die Suche nach Symmetrien zur Definition von Schönheit [62] und geben einen ersten Hinweis auf die Wichtigkeit der menschlichen Ausdrucksfähigkeit.

Abb. 1 zeigt die wohl bekannteste Proportionsstudie des Gesichts von LEONARDO DA VINCI:

 

 

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die bereits frühe systematische Beschäftigung mit dem Begriff der Schönheit; ab diesem Zeitpunkt versuchte man, anhand entsprechender Berechnungen zu erklären, was ein schönes Gesicht ausmacht.

Andererseits folgt daraus, dass bereits kleine Abweichungen und Veränderungen die psychische Entwicklung stören und in einem veränderten Sozialverhalten münden können. Oftmals führen diese Faktoren in die soziale Isolation und zum Rückzug aus einer normalen Lebensführung. Doch nicht nur die äußeren Reize eines Gesichts können die Qualität und die Quantität der zwischenmenschlichen Kommunikation erheblich abmildern, auch die Sprach- und Essfunktionen sind mitentscheidend für eine Integration in das soziale Umfeld und den Verbleib in einer gesellschaftlichen Gruppe [12].

Die Ursachen solcher Abweichungen sind entweder angeborene oder erworbene Fehlbildungen. Erworbene Abweichungen sind oftmals traumatischer Natur, z. B. bedingt durch in Fehlstellung verheilte Kieferbrüche. Auch knöcherne Umbauten im Bereich der Gelenke können zu Fehlstellungen im Kiefer führen. Der Betroffene leidet an multiplen Einschränkungen. Hierzu gehören neben Problemen mit der Kaufunktion und Sprechstörungen ein vorzeitiger Verschleiß der Zähne, Defekte am Zahnhalteapparat und oftmals dauerhafte Schmerzen. Die meisten dieser Abweichungen bestehen aus Anomalien am Kiefer, den so genannten Dysgnathien.

Korrekturen dieser störungsspezifischen Anomalien sind eines der wichtigsten Arbeitsfelder in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und nehmen aufgrund eines steigenden Bedürfnisses zur Korrektur stetig zu [16; 39]. Die Dysgnathiechirurgie stellt damit das zentrale Bindeglied zwischen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Kieferorthopädie dar [33]. Abb. 2 verdeutlicht die Interdisziplinarität der Dysgnathiebehandlung.

Es zeigt sich, dass die Behebung der Folgen von Kieferfehlstellungen nicht allein durch Operationen erfolgen kann. Faktoren wie eine mögliche präoperative Entstellung, Sprachstörungen, Zahnfehlstellungen oder auch fehlende soziale Kompetenzen spielen eine entscheidende Rolle, die bei einem kontinuierlichen Behandlungsplan nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Lediglich eine Beachtung aller integrativen Bestandteile sichert eine vollkommene Genesung des Betroffenen. Im Folgenden werden die theoretischen Grundlagen der Eugnathie und der Dysgnathie näher erläutert.