Formen und Klassifikation der Dysgnathie

Die unterschiedlichen Formen der Dysgnathie lassen sich nach diversen klinischen und radiologischen Ausprägungen und nach den Veränderungen der Größe und der Lagebeziehung der Kiefer im Gesichtsfeld zueinander klassifizieren. Tabelle 1 gibt einen entsprechenden Überblick über die Dysgnathieformen [42]:

Diskrepanzen der Kiefergrößen Makrognathie

Mikrognathie
Sagittale Lageanomalien Prognathie

Retrognathie
Vertikale Lageanomalien Offener Biss

Tiefer Biss
Transversale Lageanomalien Transversale Enge

Transversale Weite
Gesichtskoliosen/Asymmetrien Laterognathie

Tab.1: Einteilung der Dysgnathieformen [42]

Aufgrund der Unterschiede in den Kiefergrößen ergibt sich eine Zweiteilung in Makro- und Mikrognathie. Die Lageanomalien können nach ihrer sagittalen, vertikalen und transversalen Ausrichtung unterschieden werden. Die skelettalen Anomalien der Gesichtskoliosen auch als "Laterognathien" bezeichnet werden oft von dentoalveolären Kompensationsformen begleitet, die damit ebenfalls unterschiedliche Formen und Klassifikationen der Dysgnathie zulassen. Die wohl bekannteste Klassifikation ist die oben bereits erwähnte nach ANGLE 1899, der von der Okklusionsbeziehung der Sechsjahrmolaren ausging und daraus Rückschlüsse auf die Lagebeziehung der Kiefer zueinander zog. Unter diesem Aspekt werden die Kieferanomalien in drei durch römische Ziffern gekennzeichnete Hauptklassen eingeteilt, die als "key of occlusion" bezeichnet werden und wie folgt dargestellt werden können:

Es zeigt sich anhand der Abb. 3a-d, dass bei einer ausgeprägten Dysgnathie zahlreiche wichtige Aufgaben und Funktionen nicht mehr erfüllt werden: Unter anderem das Kauen, welches erschwert oder verhindert wird, da der Kontakt zwischen den Zähnen und dem Gegenkiefer kaum bzw. gar nicht vorhanden ist. Weitere mögliche Beschwerden sind beispielsweise Kiefergelenksbeschwerden, ein ungenügender Lippenschluss, Schnarchen, Magen-Darm-Störungen durch ungenügend zermahlene Nahrung, starke Zahnverschachtelungen, aber auch chronische Sprechstörungen, Nacken- oder auch  Rückenschmerzen.

Neben den Darstellungen der diversen Ausprägungen dieser Fehlstellungen soll im Folgenden nun die Ätiologie der Dysgnathie genauer betrachtet werden. Zunächst lässt sich festhalten, dass die Häufigkeit des Vorkommens von behandlungsbedürftigen Kieferfehlstellungen bei etwa 5,0% liegt; im Milchgebiss ist eine Inzidenz von etwa 30,0% gegeben [55].

Das Auftreten einer craniomandibulären Dysfunktion (CMD) oder auch Bruxismus wird auf Zweidrittel der Patienten geschätzt [55]. Es kann davon ausgegangen werden, dass ein multifaktorielles Geschehen zugrunde liegt, wobei zwischen angeborenen und erworbenen Formen unterschieden werden sollte.