Dysgnathie als Erkrankung

Nach einer Studie von MEADE UND ROHR-INGLEHART (2010) können Dysgnathien unabhängig von der Art und Ausprägung der dysgnathischen Zahnfehlstellung nicht nur psychische, sondern auch physische Beschwerden und Folgeerscheinungen hervorrufen. Durch die Kieferfehlstellungen können unter anderem dentoalveoläre Fehlbelastungen entstehen, welche sich wiederum als funktionelle Beeinträchtigungen  auswirken können [13]. Schmerzen im Kiefergelenk, durch dentale Fehlstellung hervorgerufene Artikulationsstörungen oder aber auch Bruxismus können zu einer dauerhaften psychosomatischen Belastung führen.

Operative Verfahren zur Korrektur unterschiedlicher Kieferfehlstellungen haben über die vergangenen Jahre einen immer höheren Stellenwert eingenommen. Als Beleg für diese Annahme kann nicht nur die enorm hohe Anzahl an korrekturbedürftigen Dysgnathien angesehen werden, sondern auch die Rolle der Ästhetik in der heutigen Gesellschaft. Nur wer schön ist, hat auch Erfolg. Dabei nimmt das Gesicht als Ganzes im gesamten körperlichen Erscheinungsbild eine zentrale Rolle ein. Vor allem junge Erwachsene bemerken in immer früheren Lebensjahren Abweichungen in ihrer dentofazialen Konfiguration von dem in den Medien vermittelten Idealbild [13]. So sind Indikationen für einen dysgnathiechirurgischen Eingriff oft eher ästhetisch motiviert und verfolgen das Ziel, nicht nur die gesellschaftliche Anerkennung der Gesichtsmorphologie zu verbessern, sondern auch die individuelle Lebensqualität und das Selbstbewusstsein zu verändern und zu stärken.

Die internationale Inzidenz von korrekturbedürftigen Kieferfehlstellungen kann nach Angaben von  GERSON UND EHRENFELD (2011) lediglich geschätzt werden, wobei die Autoren auf etwa 1,8 Millionen US-Bürger verweisen, die eine orthognathe Umstellung der Bezahnung benötigen. Weiterhin wird  angenommen, dass skelettale Retrognathien häufiger vorkommen als Prognathien. Die Fortschritte der bildgebenden Verfahren, die weniger invasiven Operationsmethoden und auch die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber solchen Operationstechniken zeichnen die moderne Dysgnathiechirurgie aus. Diese Errungenschaften spiegeln sich auch in der guten Lebensqualität behandelter Patienten wider, die in zahlreichen Befragungsstudien dokumentiert wurde [38]. So geben etwa 70,0 % der Befragten, die sich einer Korrektur einer Kieferfehlstellung unterzogen hatten, an, ihre faziale Ästhetik verbessert zu haben und sich attraktiver zu finden. Im Vergleich zwischen der Einschätzung der objektiven und subjektiven Beschwerdefreiheit zeigt sich, dass sich auf Patientenseite die subjektiv empfundene Lebensqualität postoperativ signifikant verbesserte, das somatische Beschwerdebild jedoch nicht im gleichen Maße [50]. Deswegen sollte die Korrektur der Kieferfehlstellung immer nach individueller Abwägung von Seiten des Arztes und von Seiten des Patienten gemeinsam getroffen werden sollte, um nicht nur die Risiken abzuwägen, sondern auch realistische Ziele formulieren zu können.